Brainboy

Wenn grundlegende Fähigkeiten fehlen...
Lernstörungen beginnen im KleinenBrainboy

Fabian ist jetzt ein halbes Jahr in der ersten Klasse. Vor anderthalb Jahren war er ein Kann-Kind. Doch die Schulärztin überzeugte seine sehr bemühte Mutter, dass er besser noch ein Jahr warten möge. Und dennoch hinkt er jetzt im Leseerwerb und in der Rechtschreibung seinen Mitschülern deutlich hinterher.

Seine Mutter hatte schon einen - nicht ganz billigen - Intelligenztest mit ihm durchführen lassen. Das Ergebnis: IQ = 116! Daran konnte es also nicht liegen. Was also hat dieser Fabian mit mindestens 10% aller deutschen Schüler gemeinsam? Seine „Low-Level-Funktionen“ sind, wie sich erst in jüngerer Zeit überhaupt systematisch feststellen ließ, nicht altersgerecht entwickelt.

Was sind Low-Level-Funktionen?

Low-Level-Funktionen beschreiben die untere von fünf aufeinander aufbauenden Stufen sprachlicher Kompetenz. Sie besteht aus Fähigkeiten wie beispielsweise

  • der Tonhöhenunterscheidung
  • dem Richtungshören
  • der Zeitverarbeitung
  • der Mustererkennung und
  • der Reaktionszeit beim Hören.


Der Schwerpunkt dieser Low-Level-Funktionen ist im Hörbereich angesiedelt; ähnliche Fertigkeiten finden sich aber auch für das Sehen und die Motorik Diese Low-Level-Ebene hat noch keinerlei unmittelbaren Bezug zur Sprache. Erst auf den nächsten Stufen, der Lautebene, der Silbenebene, der Wortebene und der Satzebene, wird zunehmend die Sprache erschlossen.

Wie wirkt es sich im Schulalltag aus?

Bei Forschungsarbeiten zu Low-Level-Funktionen zeigt sich, dass unzureichend entwickelte Low-Level-Funktionen bis auf die Rechtschreibebene durchschlagen können. Dieser Zusammenhang zwischen Low-Level-Defiziten und LRS wurde ebenfalls in einer Studie des Kultus-ministeriums Thüringen nachgewiesen. Doch in den Schuleingangsuntersuchungen werden diese Low-Level-Fertig-keiten bis heute entweder gar nicht oder allenfalls höchst unsystematisch erhoben. Dabei können einige dieser für die weitere kindliche Entwicklung so wichtigen Low-Level-Funktionen sogar schon zu Hause geprüft und bei einem Verdachtsbefund sorgfältiger untersucht werden.

Welche plausiblen Zusammenhänge bestehen überhaupt zwischen typischen Low-Level-Funktionen und dem Lesenlernen im Schulalltag? Betrachten wir beispielsweise das Richtungshören. Der typische Geräuschpegel in deutschen Grundschulen während des Unterrichts liegt in ruhigen Klassen bei 50 dB, in lebhaften Klassen bis über 60 dB. Die Stimme der Lehrkraft erreicht das einzelne Kind mit etwa 65 dB. Ein Kind mit altersgerecht entwickeltem Richtungshören kann die Lehrerstimme dennoch gewissermaßen aus dem Klassenlärm „heraushören“. Ein Kind mit beeinträchtigtem Richtungshören wird sich daheim über diesen Klassenlärm beklagen, weil es Manches nicht versteht.

Training ist alles

Trainieren lässt sich das Richtungshören, indem das Kind mit geschlossenen Augen auf die Stimme eines im Raume umhergehenden Erwachsenen deutet, der jeweils nur kurze Einsilber von sich gibt, um sich anschließend durch Öffnen der Augen zu eichen, ob es richtige gezeigt hat.

Oder nehmen wir die Tonhöhenunterscheidung, also die Fähigkeit, zwei dicht auf einander folgende Töne unterschiedlicher Höhe voneinander zu unterscheiden. Diese Fertigkeit ist für das sichere Erkennen und Unterscheiden von Selbstlauten ebenso wichtig wie für das Ausdeuten der Sprechmelodie. Die beiden Sätze „Du bist fleißig!“ und „Du bist fleißig?“ unterscheiden sich von einander lediglich durch die Tonhöhe ihrer letzten Silbe. Kann das Kind diese feinen Tonhöhenunterschiede nicht deuten, wird es immer erneuten Missverständnissen ausgesetzt sein. Durch kurzes Anschlagen zweier eng bei einander liegender Töne beispielsweise auf einem Keyboard lässt sich die Fähigkeit testen - und trainieren.

Wie erkennen Eltern, was ihrem Kind fehlt?

Insgesamt gibt es einen ganzen Katalog von Auffälligkeiten, an denen aufmerksame Eltern ablesen können, dass ihr Kind möglicherweise unter Low-Level-Störungen leidet. Die Begründung für die Auswirkung in so vielen verschiedenen Erscheinungsformen dürfte darin liegen, dass beeinträchtigte Low-Level-Funktionen von den betroffenen Kindern durch bewusste oder unbewusste größere Anstrengungen kompensiert werden:

  • Das Kind ist von manchen Tätigkeiten leicht ablenkbar.
  • Es hat Aufmerksamkeitsprobleme vor allem in der Schule.
  • Seine Kurzzeit-Merkfähigkeit ist nicht altersentsprechend.
  • Mündliche Hinweise nimmt es oft nur zeitverzögert wahr.
  • Plosivlaute (b, d, g, k, p, t) werden nicht exakt unterschieden.
  • Das Kind hat oder hatte einen verzögerten Lautsprachaufbau.
  • Das Lesen und das (Recht)-Schreiben sind beeinträchtigt.
  • Zudem sind manche motorische Funktionen beeinträchtigt.
     

Fehlende Fähigkeiten werden durch mehr Leistung ausgeglichen

Professor Roderic Nicolson von der Psychologischen Fakultät der Universität Sheffield formulierte diese Extra-Anstrengungen und deren Auswirkungen unlängst wie folgt: „Wir meinen dagegen, dass die beeinträchtigten Lesefertigkeiten nur die Spitze eines Eisberges sind und dass wahrscheinlich fast alle Low-Level-Fertigkeiten (wie die Verarbeitungsgeschwindigkeit und motorische Geschicklichkeit) beeinträchtigt sind. Der Grund, so glauben wir, für die offenkundige Spezifität der beeinträchtigten Fertigkeiten besteht darin, dass es dyslekti-schen Kindern gelingt, ihre Defizite bei vielen Fertigkeiten und Gelegenheiten zu verbergen, indem sie bewusst durch größere Anstrengung ihre unvollständige Automatisierung ausgleichen.“

Ein Beispiel für dieses bewusste Ausgleichen durch Ersatzstrategien: Kindern mit beeinträchtigter Tonhöhenunterscheidung erhielten von Schauspielern gesprochene Einzelwörter mit den Färbungen „traurig - neutral - fröhlich“ vorgespielt. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe erzielten sie deutlich schwächere Trefferquoten. Dieselben Kinder schnitten aber gegenüber der Kontrollgruppe erheblich besser ab, wenn sie Fotos von Schauspielern mit den Gesichtsausdrücken „traurig - neutral - fröhlich“ einzusortieren hatten. Sie kompensierten offenkundig ihre beeinträchtigte Fähigkeit zum Erkennen der Sprechmelodie durch eine Verlagerung auf das Auswerten von visuellen Informationen.

Spielerisch testen mit dem „Brain-Boy“

Diese Ersatzstrategien erfordern aber offenbar mehr Energie. So ist es ein naheliegendes weiteres Indiz, wenn das Kind total geschafft aus der Schule heimkehrt und sich womöglich zunächst erst einmal gründlich ausruhen muss. Wenn dann die Eltern, ohne die oben aufgezeigten Zusammenhänge zu kennen, mit dem Kind jedes bevorstehende Diktat extrem gründlich einüben, verschlechtern sie die Energiebilanz ihres Kindes noch weiter. Zudem verlagern sie das Problem auf den Beginn der dritten Grundschulklasse: Hier beginnen die ersten nur teilgeübten Diktate, in denen diese Kinder dann zumeist umso steiler abstürzen.

Was also tun, wenn bei einem Kind die Vermutung besteht, seine Low-Level-Funktionen könnten nicht altersgerecht entwickelt sein? Ein kleines handgehaltenes Gerät von der Größe eines Game-Boy mit der provozierenden Bezeichnung „Brain-Boy-Universal“ erlaubt das spielerische Testen von sieben wichtigen Low-Level-Funktionen im Hören, im Sehen und in der Motorik, aber auch den daran anschließenden Aufbau solcher Low-Level-Funktionen, die sich beim Test als trainingsbedürftig herausgestellt haben. (Eine Proberunde findet sich in Internet unter www.brainboy.de).

Je früher Schwierigkeiten erkannt werden, umso besser

In der oben erwähnten Studie des Kultusministeriums Thüringen erzielten Drittklässler allein durch das Training mit diesem Gerät innerhalb von vier Monaten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe mit herkömmlichem Förderunterricht signifikant höhere Verbesserungen ihrer Rechtschreibleistungen.

Entscheidend für den Erstlese-Erwerb ist in jedem Fall, frühzeitig einen sicheren Umgang mit den erwähnten Grundfertigkeiten, den „Low-Level-Funktionen“ bei Kindern sicherzustellen. Spielerische Trainings bereits im Vorschulalter sowie ein entsprechender Aufbau der Sprachkompetenz im Säuglings- und Kleinkindalter sind wesentliche Voraussetzungen für den Erstlese-Erwerb. Früh erkannte Defizite können inzwischen - mit geeigneten Verfahren - trainiert und abgebaut werden.

Fred Warnke, Ralph Warnke

Literatur

  • Ptok, Martin. Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen und Legasthenie, Hessisches Ärzteblatt 2/2000
  • Fawcett, Angela. Dyslexia in Children. Harvester Wheatsheaf, 1995
  • Warnke, Fred. Der Takt des Gehirns. Verlag Modernes Lernen, 1999
  • Warnke, Fred. Was Hänschen nicht hört ... VAK-Verlag, 2001