Die Angst

Lern- und Leistungsstörungen bei Schulkindern:
Angst wird ein ständiger BegleiterBalltraining

Wenn ein Kind in der Schule Probleme bekommt oder gar versagt, muss nach den Ursachen gefragt werden, denn einerseits kann eine bestimmte Störung sehr unterschiedliche Ursachen haben, andererseits ein und dieselbe Ursache zu verschiedenartigen Störungen führen.

Wenn ein Kind den schulischen Anforderungen generell nicht gerecht wird, wenn es also völlig und in allen Bereichen überfordert ist, muss zunächst geprüft werden, ob es in seiner geistigen Entwicklung so stark verzögert ist, dass es nicht dieselben schulischen Leistungen zu erbringen vermag, wie andere Kinder seines Alters. Häufiger sind jedoch andere Formen des Schulversagens, die sich als Schwächen in Teilleistungsbereichen darstellen, beispielsweise im Rechnen oder im Lesen und Schreiben.

Rechenstörungen stellen sich sehr unterschiedlich dar

Man schätzt, dass je nach Alter bis zu 10 Prozent der Kinder an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden und dass Jungen davon etwa 3- bis 4mal häufiger betroffen sind als Mädchen. Isolierte Rechenstörungen sind fast ebenso häufig. Diese Störungen sind keinesfalls ein Anzeichen für eine verminderte Intelligenz. Es gibt durchaus Personen, die hoch begabt sind und hervorragende Leistungen in ihrem Leben erbringen, obwohl sie an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche litten. Ein berühmtes Beispiel war Nelson Rockefeller, der es bis zum Gouverneur des Staates New York und zum Vizepräsidenten der USA brachte.

Rechenstörungen stellen sich sehr unterschiedlich dar. Manche Kinder sind dabei vor allem in ihren sprachlichen Fähigkeiten beeinträchtigt, d.h. es fällt ihnen schwer, schriftliche Darstellungen in mathematische Symbole umzusetzen. Andere Kinder haben Probleme mit der Wahrnehmung, d.h. beim Erkennen der Zahlen oder der Aufmerksamkeit, d.h. sie können sich die Zahlen nicht gut merken. Manchmal sind auch die mathematischen Fertigkeiten, d.h. die Fähigkeiten zur Durchführung der einzelnen Rechenschritte, beeinträchtigt.

Häufig reagieren Kinder auch emotional auffällig

Diese Leistungsbeeinträchtigungen können verschiedene Ursachen haben. Gelegentlich finden sich Anomalien an den Stellen des Gehirns, die diese Lernprozesse steuern. Häufiger liegen die Gründe allerdings bei einer Seh- oder Hörstörungen bzw. bei einem Mangel an visuell-räumlichen, motorischen und taktilen Wahrnehmung. Bevor man also pädagogisch oder therapeutisch etwas unternimmt, sollte möglichst sicher abgeklärt werden, welche dieser Funktionen gestört sind.

Häufig reagieren Kinder mit schulischen Leistungsstörungen auch emotional auffällig. Typisch sind beispielsweise Anpassungsstörungen (die Kinder sind schwer zu integrieren und stören oft den Unterricht), Schulängste (die Kinder haben Angst vor Klassenarbeiten oder sie beteiligen sich nicht am Unterricht, weil sie Angst davor haben, sich zu blamieren) oder Schulphobien (die Kinder schwänzen die Schule oder werden krank, um nicht zur Schule zu müssen). Wenn Leistungsstörungen mit solchen emotionalen Auffälligkeiten einhergehen, sind Ursache und Wirkung oft schwer auseinander zu halten.

Teufelskreis der Ängste

Dem Lesen, Schreiben und Rechnen liegen sehr komplexe geistige Vorgänge zu Grunde. Diese Lernprozesse können durch starke Ängste oder akuten Stress durchaus beeinträchtigt werden. Wer aufgeregt ist, lernt schlechter. Außerdem können Kinder, die sich emotional stark belastet fühlen, auch in ihrer Fähigkeit beeinträchtigt sein, das Gelernte wiederzugeben. Wer aufgeregt ist, macht mehr Fehler. Wenn also der Lernprozess oder die Wiedergabe des Gelernten durch solche emotionalen Faktoren beeinträchtigt sind, spricht man auch von seelisch bedingten Ursachen der Lese-Rechtschreib- oder Rechen-Schwäche. Umgekehrt können diese Schwächen aber auch die Ursachen für Stress und Ängste sein.

Das Kind nimmt seine Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche war, ist verunsichert, entwickelt Ängste davor, im Unterricht zu versagen. Es kann auch vorkommen, dass sich diese lernspezifischen und emotionalen Faktoren wechselseitig im Sinne eines Teufelskreises gegenseitig aufschaukeln. Wer aufgeregt ist, lernt schlechter, wer dann versagt, wird noch aufgeregter oder stärker verängstigt und versagt daher noch häufiger. In solchen Fällen ist es dann oft schwierig, Ursache und Wirkung auseinander zu halten und letztendlich zu klären, ob die emotionalen Störungen die Leistungsstörungen verursacht haben oder das schulische Versagen das Kind verängstigt und verunsichert hat.

Ursachen können bei den Eltern liegen

Wenn Lern- oder Leistungsstörungen seelisch bedingt sind, hilft es nicht, sich nur mit dem Kind zu beschäftigen. In diesem Fall wird man auch die familiären Hintergründe beleuchten müssen. Schulängste können beispielsweise entstehen, wenn die Eltern falsche Erwartungen an das Kind richten und dieses damit überfordern, so dass das Kind Angst davor hat, die Erwartungen der Eltern zu enttäuschen. Schulängste können auch eine Folge des Erziehungsstils sein, sie treten häufig bei Kindern auf, deren Eltern gute Leistungen als selbstverständlich hinnehmen, schlechte Leistungen jedoch bestrafen.

Schulphobien sind hingegen eher Begleitsymptome einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung. Sie sind besonders häufig bei Kindern zu beobachten, die von ihren Eltern in enger emotionaler Abhängigkeit gehalten werden und die sich daher nicht gut von Zuhause bzw. von den Eltern trennen können. Anpassungsstörungen sind häufig ein Symptom krisenhafter familiärer Entwicklungen. Eine nicht zu vernachlässigende Ursache sind aber auch Depressionen bei Kindern und Jugendlichen, die oft nicht als solche erkannt werden, weil diese Kinder nach außen hin keinesfalls deprimiert und hoffnungslos wirken müssen.

Therapie macht erst nach eingehender Diagnose Sinn

Depressionen zeigen sich bei Kindern oft in einer Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls, in vermehrter Müdigkeit und Mattigkeit oder auch als agitiertes, unangepasstes Verhalten. Diese Kinder spielen in der Klasse den Clown, halten sich nicht an die Regeln und reagieren oft geradezu frech. Depressive Kinder leiden aber meistens auch an Konzentrationsschwäche und fehlender Motivation.

Diese Erläuterungen verdeutlichen, dass es sich bei Lern- und Leistungsstörungen in der Schule um sehr komplexe Vorgänge handeln kann, die man keinesfalls mit Motivationsförderung oder traditionellem Nachhilfeunterricht beheben kann. In den meisten Fällen wird man auf integrative Therapieansätze zurückgreifen müssen, wobei ein Therapieplan erst entwickelt werden kann, wenn es gelungen ist, die primären Störungen und Beeinträchtigungen von den sekundären Begleitsymptomen abzugrenzen.

Das Kind psychisch stärken

Wenn die Leistungsstörungen auf falsche Lernerfahrungen oder periphere Wahrnehmungsstörungen (Sehfehler, Hörschwäche) zurückzuführen sind, so kann man nach Behebung der Störungsquellen auf pädagogische Ansätze zurück-greifen, d.h. auf schulische Fördermaßnahmen mit gezieltem Lese- oder Rechentraining bei gleichzeitiger Diktatbefreiung, Notenbefreiung und speziellen Versetzungsvorschriften. Bei Defiziten der zentralen Verarbeitung und Wahrnehmung wird man hingegen zunächst auf dieser Ebene ansetzen und dazu auf spezielle Trainingsprogramme zurückgreifen.

Bei seelisch Leistungsstörungen arbeitet man hingegen mehr mit kind- und familienzentrierten psychotherapeutischen Ansätzen, d.h. man bindet die Eltern mit ein und vermittelt ihnen, welche Anteile sie selbst an den Problemen ihres Kindes haben und wie sie dazu beitragen können, dass das Selbstbewusstsein, die psychische Stabilität und die Lernmotivation des Kindes so gestärkt werden können, dass es besser in der Lage ist, sich den schulischen Anforderungen zu stellen.

Prof. Dr. Uwe Tewes, Diplom-Psychologe

Literatur

  • M. Anderson. Intelligence and Development. Blackwell, Oxford 1992.
  • S. von Aster. Kinderwelten verstehen. Orell Füssli, Zürich 1992.
  • G.C. Davison und J.M. Neale. Klinische Psychologie. Psychologie Verlags Union, Weinheim 1996.
  • H.-C. Steinhausen. Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. 3. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München 1996.