Motorik

Wer kaum krabbelt, hat's später schwer:
Sprache und Bewegung hängt zusammenWippe

„Das muss ich immer wieder denken“, sagte mir neulich Tim, als er zum wiederholten Mal eine ganz einfache Aufgabe lösen sollte. Dabei beschreibt er mit diesen Worten ein Problem sehr genau, dass heute viele Kinder haben. Sie können nicht mehrspurig arbeiten, d.h. sie können sich nicht mit hoher Aufmerksamkeit einer Wahrnehmung zuwenden und dabei gleichzeitig eine motorische Aufgabe lösen.

Die Voraussetzung dafür, dass dies gelingt ist, dass die Grundfunktionen der Reizverarbeitung und der Motorik automatisch, d.h. ohne bewusste Steuerung funktionieren. Diese Automatisierungen sind gestört, wenn in der Entwicklung der Reizverarbeitung und der Wahrnehmung sowie in der Motorik bestimmte Funktionen nicht oder zu wenig trainiert wurden oder dieser Funktionen gestört sind.

Wahrnehmungsleistungen und Motorik entwickeln sich zeitgleich und in einem engen Zusammenhang. Ohne Bewegung werden bestimmte Wahrnehmungsleistungen nicht entwickelt und ohne entsprechende Wahrnehmungen werden motorische Fähigkeiten nicht ausgebildet. Die Motorik ist außerdem zu einem großen Teil für die innere Aktivierung zuständig. Neuronale Strukturen werden über Bewegungen stimuliert. Die engen neuronale Verknüpfung aller Wahrnehmungsbereiche und der Motorik und deren gute Funktion ist die Voraussetzung für das Gelingen komplexer Handlungsabläufe, wie für das Lesen und das Schreiben.

Die motorische Entwicklung

Die motorische Entwicklung beginnt bereits im Mutterleib. Nach der Geburt bewegt sich das Kind zunächst mit Hilfe der sogenannten frühkindlichen Reflexe. Diese stellen ihm erste Bewegungsmuster vor allem für die Auseinandersetzung mit der Schwerkraft zur Verfügung. Das Kind lernt, sein Gleichgewicht zu halten und seine Körperbewegungen zu koordinieren. Dabei wird es immer geschickter und die motorischen Muster werden immer differenzierter.

Die frühkindlichen Reflexe werden so in die willkürliche Motorik eingegliedert und bei ausreichender Übung automatisiert. Zu den typischen kindlichen „Übungen“ in dieser Schule des motorischen Lernens gehört das Anheben des Kopfes, das Drehen des Kopfes nach einem interessanten Reiz, das Zusammenführen der Hände und die parallele und entgegengesetzte Bewegung beider Arme und Beine.

Eine der wichtigsten Übungen des Kindes ist das Krabbeln. Untersuchungen von Kindern mit Lernstörungen haben gezeigt, dass ein hoher Anteil dieser Kinder (über 80%) nicht oder nur sehr kurze Zeit gekrabbelt sind. Ein ebenso großer Anteil dieser Kinder hat mit Beginn der Schulzeit immer noch deutliche Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. Sehr oft lassen sich auch noch frühkindliche Reflexe auslösen. Dies zeigt an, dass diese noch nicht ausreichend in weiterentwickelte motorische Muster eingebaut wurden und so bei vielen Bewegungen störend wirken.

Zunächst entwickelt sich die sogenannte Grobmotorik. Dabei werden solche Funktionen wie die Koordination der Arme und Beine trainiert und automatisiert. Auch die Steuerung der Muskelspannung muss geübt werden. Dabei ist die Überlagerung der Steuerungsmuster der frühkindlichen Reflexe besonders wichtig. Sie sorgen sonst oft dafür, dass bestimmte willkürliche Bewegungen mit zu viel oder zu wenig Kraft ausgeführt werden. Da wird z.B. der Stift zu fest gehalten oder die Liegestütze gelingen nicht, weil ein Reflex verhindert, dass die Arme mit ausreichender Kraft gestreckt werden können wenn die Beine gestreckt sind.

Die feinmotorische Entwicklung ist das Ergebnis einer ausreichend differenzierten grobmotorischen Entwicklung. Hier kann man oft im Kleinen sehen, was im Großen nicht ausreichend trainiert wurde.

Die Augenbewegung

Die Augenbewegungen gehören, wie die Bewegungen der Finger und des Mundes und der Zunge zu den differenziertesten Bewegungen, die der Mensch produzieren kann. Die Augenbewegungen werden durch 6 Augenmuskeln ermöglicht. Die für das Lesen und Schreiben besonders wichtigen Augenbewegungen bestehen aus einem zweiteiligen motorischen Prozess, den Blicksprüngen und den Verharren auf einem Punkt (Fixation).

Die Blicksprünge sind quasi ballistische Prozesse, die während der Fixation einer Buchstabengruppen geplant werden und danach mit ausschließlich unbewusster Steuerung ablaufen. Die Blicksprünge haben bei einem guten Leser eine durchschnittliche Weite von 6-8 Buchstaben und dauern 15 - 20 ms. Die Fixation einer Buchstabengruppe dagegen dauert bei einem geübten Leser etwa 250 ms.

Diese beiden motorischen Prozesse wechseln sich fließend ab. Dabei kommt es darauf an, dass der Blicksprung gelingt, d.h. das Auge genau an der Stelle ankommt, an der die nächste Fixation beginnen muss, ohne dass Teile des Textes mehrfach oder gar nicht fixiert werden. Die typischen Lesefehler der Kinder bei Störungen dieses Prozesses sind z.B.:

  • die Wiederholung bereits gelesener Wortteile,
  • die Auslassungen von Silben oder Wortteilen oder
  • das Überlesen von Punkt und Komma.


Die Fixation einer Buchstabengruppe gelingt nur dann, wenn die Kinder für diese Zeit die Augen tatsächlich still halten können. Beide Augen müssen dabei genau die gleiche Stelle erfassen, die richtige Sehschärfe einstellen und die Helligkeit durch Öffnen und Schließen der Pupille regeln können. Nur wenn innerhalb dieses komplexen motorischen Prozesses keine Störungen auftreten, können die beiden Bilder aus den Augen im zentralen Sehverarbeitungszentrum richtig verarbeitet werden.

Jede Störung kann zur Folge haben, dass die Kinder die Information aus dem schlechter arbeitenden Auge unterdrücken. Dies führt dazu, dass nur in einer Hirnhälfte ein Sehreiz verarbeitet wird. Außerdem wird das räumliche Sehen beeinträchtigt. Die Augenbewegung ist in ihrer horizontalen Bewegungsrichtung direkt an die Körperkoordination gekoppelt. Kinder, die ihre Körpermittellinie nur mit Schwierigkeiten überqueren können, zeigen fast immer auch eine unstete Augenbewegung wenn sie mit den Augen einen bewegten Gegenstand über die Körpermitte hinweg verfolgen sollen. Beim Lesen und Schreiben führt dies oft dazu, dass die Kinder in diesem Moment die Zeile aus den Augen verlieren. Um dies zu vermeiden haben sich viele Kinder angewöhnt, das Blatt oder das Lesebuch so schräg vor sich zu legen, dass sie die Körpermittellinie möglichst nicht kreuzen müssen.

Oft passiert es auch, dass bei Blicksprüngen die horizontale Bewegungsrichtung nicht eingehalten werden kann. Die Kinder fixieren dann plötzlich eine Buchstabengruppe aus einer höher oder tiefer gelegenen Zeile. Schwierigkeiten haben diese Kinder auch am Zeilenende, wenn sie den Anfang der nächsten Zeile suchen sollen.

Die Sprechmotorik

An der Sprechmotorik sind über 100 Muskeln beteiligt, deren Arbeit sowohl in der richtigen Zeit als auch in der richtigen Stärke koordiniert werden muss. Grundlage für diese Koordination sind automatisierte motorische Muster, also Bewegungen, die ohne einen Bewusstseinsanteil gesteuert werden. Diese Bewegungsmuster müssen in Form einer sogenannten sensomotorischen Kopplung an entsprechende Muster der Reizverarbeitung gekoppelt sein.

Es werden dabei zwischen den verschiedenen visuellen und auditiven Reizmustern wie z.B. Buchstaben, Silben, Laute und Worte gestaltfeste Bilder in Form neuronaler Verbindungen hergestellt. Auch dieser Prozess vollzieht sich in der Regel automatisch. Bei einem bestimmten Reiz z.B. dem Anschauen des Buchstabens „O“ werden beim Sprechen automatisch die Lippen nach vorn geschoben und zusammengezogen.

Dieser komplexe Vorgang wird immer dann gestört, wenn einzelne Teilbereiche der Reizverarbeitung und der Motorik nicht richtig funktionieren. Die erforderliche Automatisierung muss dann durch bewusstes Denken ersetzt werden. Dies führt zu Verlangsamungen und zu Fehlern beim Sprechen.

Die Schreibmotorik

Auch an der Schreibmotorik sind eine Vielzahl von verschiedenen Muskeln beteiligt, deren einzelne Aktionen ebenso genau koordiniert werden müssen, wie bei der Sprechmotorik. Die Schreibmotorik ist eng mit der Entwicklung der Greifmotorik verbunden. Deshalb wirkt sich jede Entwicklungsstörung der Grobmotorik und der Greifmotorik auch unmittelbar auf die Schreibmotorik aus.

Trotz vieler Übungen erreichen die Kinder oft keine lesbare Schrift. Sie haben keine Chance, die schreibmotorischen Muster zu automatisieren und so zu einer fließenden Schrift zu kommen. Weil sie beim Schreiben immer wieder „denken müssen“, wird die Schrift unterbrochen und kantig. Die Kinder müssen sich so auf den Schreibvorgang konzentrieren, dass ihre Aufmerksamkeit nicht mehr für die Rechtschreibung oder den Inhalt des Geschriebenen reicht. Sie ermüden schnell, machen dadurch noch mehr Fehler und verlieren so die Lust am Schreiben.

Auch die falsche Regulierung des Muskeldrucks wirkt sich negativ aus. Die Kinder drücken z.B. zu stark auf, können nicht klein genug schreiben und müssen den Schreibfluss immer wieder unterbrechen, weil der Muskeldruck im Handgelenk oder in den Armen so stark wird, dass es häufig sogar schmerzhaft wird.

Hilfen zur Vorbereitung auf das Lesen und Schreiben

Für alle Kinder ist es wichtig, dass ihre Entwicklung gut beobachtet wird. Die Umgebung der Kinder ist heute oft nicht so, dass alle notwendigen Voraussetzungen für das Lesen und Schreiben zufällig und von allein erworben werden können. Die Eltern, der Kinderarzt und die Erzieherinnen und Erzieher sind in besonderer Weise dafür verantwortlich, dass Entwicklungsrückstände und besonderer Trainingsbedarf des Kindes frühzeitig erkannt und entsprechende Angebote gemacht werden. Deutliche Anzeichen für einen besonderen Trainingsbedarf im Vorschulalter sind z.B.:

  • das Kind ist nur kurze Zeit oder gar nicht gekrabbelt,
  • das Kind bewegt sich allgemein wenig,
  • das Kind hat Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht,
  • das Kind hat oft blaue Flecke, stößt sich viel und fällt oft hin,
  • das Kind mag typische Kinderspiele wie Schaukeln, Klettern und Karussell fahren nicht,
  • das Kind malt nicht gern und lernt erst sehr spät, darstellend zu malen,
  • das Kind kann beim Malen Begrenzungen nicht einhalten,
  • das Kind lernt nur sehr schwer die Schleife binden,
  • das Kind kann einen Ball nicht sicher fangen,
  • das Kind kann einen Ball nicht gerade werfen
  • das Kind hat noch keine eindeutige Händigkeit entwickelt.


Erfahrene Therapeuten und Pädagogen kennen heute eine Vielzahl von hilfreichen Trainingsprogrammen, die die Entwicklung der Motorik und der Wahrnehmung stimulieren und verbessern. Nicht nur Vorschulkinder können Hilfe durch ein solches Training erfahren. Schulkinder aller Altersklassen und auch Erwachsene haben durch ein solches ganzheitliches Training der Motorik und der Wahrnehmung Ihre Leistungsfähigkeit beim Lesen und Schreiben bereits entscheidend verbessern können.

Winfried Scholtz

Quellen

  • Daniel W.Zahnd „Kognitive Strategien und Leseleistung“. Libri Verlag, Bern 2000
  • Sally Goddard „Greifen und Begreifen“.VAK Verlags GmbH, Kirchzarten 1998
  • W.Scholtz „Handbuch zum erweiterten Prüfablauf nach F.Warnke“.MediTECH electronik GmbH, Wedemark 2002.